German Fairy Tales

 

 

Aschenputtel

 

 

Edited by Eugene R. Moutoux

 
auslesen (ie; a, e) - choose, pick out

aussehen (ie; a, e) - look, appear

beistehen (a, a) (w/ dat.) - stand by, assist

r Busch (¨-e) - bush; shrub

darum - for that reason, therefore

e Erbse (-n) - pea

s Frühjahr (-e) - spring

garstig - nasty, vile

s Grab (¨-er) - grave

r Haselbusch (¨-e) - hazel bush

r Herd (-e) - fireplace; kitchen range

r Hut (¨-e) - hat

r Kittel (-) - smock

e Küche (-n) - kitchen

e Linse (-n) - lentil

e Messe (-n) - fair; mass

pflanzen - plant

e Prinzessin (-nen) - princesss

s Reis (-er) - twig

r Rückweg (-e) - the way back, return (route)

schmutzig - dirty

r Schnee - snow

schütten - pour; spill

staubig - dusty

s Stiefkind (-er) - stepchild

die Stiefschwester (-n) - ste-p sister

e Stieftochter (¨) - stepdaughter

wachsen (ä; u, a) - grow

waschen (ä; u, a) - wash

Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, daß ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: "Liebes Kind, bleibe fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken, und will um dich sein." Darauf tat sie die Augen zu und verschied.

Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab, und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.

Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus ge- bracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. "Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen!’ sprachen sie. "Wer Brot essen will, muß es verdienen. Hinaus mit der Küchenmagd."

Einem reichen Mann...krank: The wife of a wealthy man became sick / fromm: pious / tat zu: closed / verschied: died / herabgezogen: removed / Angesicht: countenance / ging an: began / Küchenmagd: kitchen maid

Sie nahmen ihr die schönen Kleider weg, zogen ihr einen grauen alten Kittel an, und gaben ihr hölzerne Schuhe. "Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!" riefen sie, lachten und führten sie in die Küche. Da mußte sie von Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehen, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen.

Obendrein taten ihr die Schwestern alles ersinnliche Herzeleid an, verspotteten sie und schütteten ihr die Erbsen und Linsen in die Asche, so daß sie sitzen und sie wieder auslesen mußte. Abends, wenn sie sich müde gearbeitet hatte, kam sie in kein Bett, sondern mußte sich neben den Herd in die Asche legen. Und weil sie darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie sie Aschenputtel.

Es trug sich zu, daß der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. "Schöne Kleider", sagte die eine, "Perlen und Edelsteine", die zweite.

wie sie geputzt ist: how well attired she is / taten ihr alles ersinnliche Herzeleid an: caused her every imaginable heartache

 

 

"Aber du, Aschenputtel", sprach er, "was willst du haben?"

"Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab."

Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit.

Als er nach Hause kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, ging zu ihrer Mutter Grab und pflanzte das Reis darauf, und weinte so sehr, daß die Tränen darauf niederfielen und es begossen.

auf Eurem Heimweg: on your way home / streifte: brushed / stieß ihm den Hut ab: knocked his hat off / begossen: watered

 

Er wuchs aber und wurde ein schöner Baum. Aschenputtel ging alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den Baum, und wenn sie einen Wunsch aussprach, so warf ihr das Vöglein herab, was sie sich gewünscht hatte. allemal: every time / aussprach: expressed
Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Was versprach Aschenputtels Mutter, als sie im Sterben lag?

2. Wohin ging Aschenputtel jeden Tag?

3. Wann nahm ihr Vater eine andere Frau?

4. Wie sahen die Töchter von der neuen Frau aus?

5. Was für Kleider zogen sie Aschenputtel an?

6. Welche Arbeit mußte Aschenputtel von nun an tun?

7. Warum schütteten die Stiefschwestern Erbsen und Linsen in die Asche?

8. Wo mußte Aschenputtel schlafen?

9. Was sollte der Vater den Stieftöchtern und Aschenputtel von der Messe zurückbringen?

10. Was machte Aschenputtel mit dem Haselreis, das der Vater ihr gab?

11. Was machte sie dreimal pro Tag unter dem Haselbäumchen?

12. Was für ein Tier kam jedesmal?

13. Wie bekam Aschenputtel die Sachen, die sie sich wünschte?

auslachen - laugh at, deride, ridicule

aussuchen - select, choose begleiten - accompany

bürsten - brush

in aller Eile - in great haste

entgegenkommen (kam entgegen, o) (w/ dat.) - come to meet

entwischen (w/ dat.) - slip away from, escape from

entzweischlagen (ä; u, a) - smash, shatter

erstaunen - be amazed, be astonished

festmachen - attach, fasten; fix, settle

fremd - foreign; strange

gehorchen (w/ dat.) - obey

herum - over, finished

hinten - in the back, at the rear

e Hintertür (-en) - back door

e Jungfrau (-en) - maiden; virgin

kämmen - comb

r Kopf (¨-e) - head

e Öllampe (-n) - oil lamp

r Pantoffel (-n) - slipper

sich schämen (w/ gen.) - be ashamed of

r Schmutz - dirt, filth

e Schnalle (-n) - buckle

s Silber - silver

r Staub - dust

e Tänzerin (-nen) - dancer (f.)

zahm - tame

Es begab sich aber, daß der König ein Fest anstellte, das drei Tage dauern sollte, und wozu alle schönen Jungfrauen im Lande eingeladen wurden, damit sich sein Sohn eine Braut aussuchen möchte. Die zwei Stiefschwestern, als sie hörten, daß sie auch dabei erscheinen sollten, waren guter Dinge, riefen Aschenputtel und sagten: "Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest, wir gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloß."

Aschenputtel gehorchte, weinte aber, weil sie auch gern zum Tanz mitgegangen wäre, und bat die Stiefmutter, sie möchte es ihr erlauben. "Du Aschenputtel", sprach sie, "bist voll Staub und Schmutz, und willst zur Hochzeit? Du hast keine Kleider und Schuhe, und willst tanzen!"

Als sie aber mit Bitten anhielt, sprach sie endlich: "Da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, so sollst du mitgehen."

anstellte: put on (arranged) / waren guter Dinge: were in high spirits / anhielt: persisted

Das Mädchen ging durch die Hintertür nach dem Garten und rief: "Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,

die guten ins Töpfchen,

die schlechten ins Kröpfchen."

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein, und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körnlein in die Schüssel. Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Turteltäubchen: turtle-doves / lesen: gather / Kröpfchen: craw / schwirrten: whirred / schwärmten: swarmed / pick: peck / lasen: gathered

 

Da brachte das Mädchen die Schüssel der Stiefmutter, freute sich und glaubte, sie dürfte nun mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach: "Nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider, und kannst nicht tanzen; du wirst nur ausgelacht."

Als sie nun weinte, sprach die Stiefmutter: "Wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du mitgehen", und dachte: "Das kann sie ja nimmermehr."

Als die Stiefmutter die zwei Schüsseln Linsen in die Asche geschüttet hatte, ging das Mädchen durch die Hintertür nach dem Garten und rief: "Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen,

die guten ins Töpfchen,

die schlechten ins Kröpfchen."

rein lesen: pick neatly / nimmermehr: never

 

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vögel unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nickten mit ihren Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick, und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körner in die Schüsseln. Und ehe eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fertig, und flogen alle wieder hinaus.

Da trug das Mädchen die Schüsseln zu der Stiefmutter, freute sich und glaubte, nun dürfte sie mit auf die Hochzeit gehen. Aber die Stiefmutter sprach: "Es hilft dir alles nichts. Du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen; wir müßten uns deiner schämen." Darauf kehrte sie ihr den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.

Es hilft dir alles nichts: It's no use / kehrte ihr den Rücken zu: turned her back to her

 

Als nun niemand mehr daheim war, ging Aschenputtel zu ihrer Mutter Grab unter den Haselbaum und rief:

"Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,

wirf Gold und Silber über mich."

Da warf ihr der Vogel ein goldenes und silbernes Kleid herunter und mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog sie das Kleid an und ging zur Hochzeit.

Ihre Schwestern aber und die Stiefmutter kannten sie nicht und meinten, sie müsse eine fremde Königstochter sein, so schön sah sie in dem goldenen Kleide aus. An Aschenputtel dachten sie gar nicht und dachten, sie säße daheim im Schmutz und suchte die Linsen aus der Asche. Der Königssohn kam ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr. Er wollte auch sonst mit niemand tanzen, also daß er ihr die Hand nicht losließ, und wenn ein anderer kam, sie aufzufordern, sprach er: "Das ist meine Tänzerin."

rüttel dich und schüttel dich: shake / ausgestickt: embroidered / sie aufzufordern: to ask her to dance

Sie tanzte, bis es Abend war, da wollte sie nach Haus gehen. Der Königssohn aber sprach: "Ich gehe mit und begleite dich", denn er wollte sehen, wem das schöne Mädchen angehörte. Sie entwischte ihm aber und sprang in das Taubenhaus. Nun wartete der Königssohn, bis der Vater kam, und sagte ihm, das fremde Mädchen wäre in das Taubenhaus gesprungen.

Der Alte dachte: "Sollte es Aschenputtel sein?" und sie mußten ihm Axt und Hacken bringen, damit er das Taubenhaus entzweischlagen konnte; aber es war niemand darin. Und als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in ihren schmutzigen Kleidern in der Asche, und ein trübes Öllämpchen brannte im Schornstein; denn Aschenputtel war geschwind aus dem Taubenhaus hinten herabgesprungen, und war zu dem Haselbäumchen gelaufen. Da hatte sie die schönen Kleider abgezogen und aufs Grab gelegt, und der Vogel hatte sie wieder weggenommen, und dann hatte sie sich in ihrem grauen Kittelchen in die Küche zur Asche gesetzt.

angehörte: belonged / Hacken: mattocks / trüb: dull / Schornstein: chimney / abgezogen: removed

 

 

 

Am andern Tag, als das Fest von neuem anhub, und die Eltern und Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zu dem Haselbaum und sprach:

"Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich.

wirf Gold und Silber über mich."

Da warf der Vogel ein noch viel stolzeres Kleid herab als am vorigen Tag. Und als sie mit diesem Kleide auf der Hochzeit erschien, erstaunte jedermann über ihre Schönheit. Der Königssohn aber hatte gewartet, bis sie kam, nahm sie gleich bei der Hand und tanzte nur allein mit ihr. Wenn die andern kamen und sie aufforderten, sprach er: "Das ist meine Tänzerin."

anhub: began
Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wen lud der König zum Feste ein?

2. Wie reagierten die Stiefschwestern auf die Einladung?

3. Warum weinte Aschenputtel?

4. Warum lehnte die Stiefmutter Aschenputtels Bitte ab?

5. Was mußte Aschenputtel tun, um zum Tanz gehen zu dürfen?

6. Wer half ihr bei der Erfüllung dieser Bedingung?

7. Warum hielt die Stiefmutter ihr Versprechen nicht?

8. Wie unterschied sich die erste Bedingung der Stiefmutter von der zweiten?

9. Wohin ging das traurige Aschenputtel, nachdem die Stiefmutter und Stiefschwestern zum Tanz gegangen waren?

10. Was warf der Vogel ihr herunter?

12. Wer erkannte das schön gekleidete Aschenputtel?

13. Wie lange tanzte der Königssohn mit ihr?

14. Was erwiderte der Königssohn, als Aschenputtel ihm sagte, sie wolle jetzt gehen?

15. Was machte Aschenputtels Vater, als der Königssohn ihm gesagt hatte, das fremde Mädchen sei ins Taubenhaus gesprungen?

16. Wohin ging Aschenputtel am nächsten Tag?

anprobieren - try on

r Ärger - anger

s Auge (-n) - eye

bestrafen - punish

bestreichen (i, i) - smear; coat

r Birnbaum (¨-e) - pear tree

e Birne (-n) - pear

bleich - pale

e Bosheit (-en) - wickedness durchaus - thoroughly

entspringen (a, u) (w/ dat.) - escape

e Ferse (-n) - heel

fort (as verb prefix) - on; away, off; continuously

zu Fuß gehen - go on foot

s Gesicht (-er) - face

halten (hält; ie, a) - hold; stop; keep

hängenbleiben (ie, ie) - get stuck

e Kirche (-n) - church

links - on the left

e List (-en) - cunning; underhand trick

s Messer (-) - knife

sich neigen - bow

passen (w/ dat.) - fit

s Pech - pitch; bad luck

rechts - on the right

e Schulter (-n) - shoulder

steigen (ie, ie) - climb

r Strumpf (¨-e) - stocking

teilnehmen (nimmt teil; a, teilgenommen) an (w/ dat.) - take part in, participate in

verstorben - deceased

e Zehe (-n) - toe

Als es nun Abend war, wollte sie fort, und der Königssohn ging ihr nach und wollte sehen, in welches Haus sie ging. Aber sie sprang ihm fort und in den Garten hinter dem Haus. Darin stand ein schöner großer Baum, an dem die herrlichsten Birnen hingen. Sie kletterte so behend wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, und der Königssohn wußte nicht, wo sie hingekommen war. Er wartete aber, bis der Vater kam, und sprach zu ihm: "Das fremde Mädchen ist mir entwischt, und ich glaube, sie ist auf den Birnbaum gesprungen."

Der Vater dachte: "Sollte es Aschenputtel sein?" ließ sich die Axt holen und hieb den Baum um, aber es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel da in der Asche, wie sonst auch, denn sie war auf der andern Seite vom Baum herabgesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider wiedergebracht und sein graues Kittelchen angezogen.

ging ihr nach: followed her / behend: nimbly / hieb um: felled / darauf: in it / wie sonst auch: as usual

 

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zu ihrer Mutter Grab und sprach zu dem Bäumchen:

"Bäumchen, rüttel dich unf schüttel dich.

wirf Gold und Silber über mich."

Nun warf ihr der Vogel ein Kleid herab, das so prächtig und glänzend war, wie sie noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden. Als sie in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wußten sie alle nicht, was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihr, und wenn sie einer aufforderte, sprach er: "Das ist meine Tänzerin."

wußten sie...sagen sollten: they were all so amazed that they didn't know what to say

Als es nun Abend war, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn wollte sie begleiten, aber sie entsprang ihm so geschwind, daß er nicht folgen konnte. Der Königssohn hatte aber eine List gebraucht, und hatte die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen. Da war, als sie hinabsprang, der linke Pantoffel des Mädchens hängen geblieben. Der Königssohn hob ihn auf, und er war klein und zierlich und ganz golden.

Am nächsten Morgen ging er damit zu dem König und sagte zu ihm: "Keine andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh paßt."

hatte...bestreichen lassen: had had the entire stairway smeared with piitch / zierlich: dainty

 

 

Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie konnte mit der großen Zehe nicht hineinkommen, und der Schuh war ihr zu klein. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: "Hau die Zehe ab! Wenn du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen." Das Mädchen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort.

Sie mußten aber an dem Grabe vorbei, da saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:

"Rucke di guck, rucke di guck,

Blut ist im Schuck:

Der Schuck ist zu klein,

die rechte Braut sitzt noch daheim."

zwängte: forced / verbiß: suppressed / Rucke di guck = Rücke dich (und) guck: turn and look / Schuck = Schuh

Da blickte er auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Hause und sagte, das wäre nicht die rechte, die andere Schwester solle den Schuh anziehen.

Da ging diese in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: "Hau ein Stück von der Ferse ab. Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen." Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiß den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort.

herausquoll: gushed out / wendete um: turned...around

 

Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen darauf und riefen:

"Rucke di guck, rucke di guck.

Blut ist im Schuck:

Der Schuck ist zu klein,

die rechte Braut sitzt noch daheim."

Er blickte nieder auf ihren Fuß und sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd und brach- te die falsche Braut wieder nach Haus.

"Das ist auch nicht die rechte", sprach er. "Habt ihr keine andere Tochter?"

"Nein", sagte der Mann, "nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines verbuttetes Aschenputtel da; sie kann unmöglich die Braut sein."

verbuttet: stunted

 

 

Der Königssohn sprach, er sollte sie heraufschicken.

Die Mutter aber antwortete: "Ach nein, sie ist viel zu schmutzig, sie darf sich nicht sehen lassen."

Er wollte sie aber durchaus haben, und Aschenputtel mußte gerufen werden. Da wusch sie sich erst Hände und Angesicht rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn, der ihr den goldenen Schuh reichte. Dann setzte sie sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel; der war wie angegossen. Und als sie sich in die Höhe richtete und der Königssohn ihr ins Gesicht sah, so erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief: "Das ist die rechte Braut." Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger. Er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihr fort.

Angesicht: face / Schemel: stool / wie angegossen: a perfect fit / sich in die Höhe richtete: stood up

Als sie an dem Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen:

"Rucke di guck, rucke di guck,

kein Blut ist im Schuck:

Der Schuck ist nicht zu klein,

die rechte Braut, die führt er heim."

Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide herabgeflogen und setzten sich Aschenputtel auf die Schultern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.

 
Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und teil an Aschenputtels Glück nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste zur rechten, die jüngste zur linken Seite; da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach, als sie herausgingen, war die älteste zur linken und die jüngste zur rechten; da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. Also waren sie für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft. falsch: deceitful / sich einschmeicheln: ingratiate themselves / Brautleute: bridal couple / pickten aus: pecked out / einer jeden: of each / Falschheit: deceitfulness / Blindheit auf ihr Lebtag: lifelong blindness
Beantworten Sie die folgenden Fragen!

1. Wohin ging Aschenputtel, als sie am zweiten Abend dem Königssohn entwischt war?

2. Was machte der Vater, als der Königssohn sagte, das fremde Mädchen sei auf den Birnbaum gesprungen?

3. Wie bekam Aschenputtel ihr graues Kittelchen wieder?

4. Was für ein Kleid trug Aschenputtel am dritten Tag des Festes?

5. Wie bekam der Königssohn den linken Pantoffel von Aschenputtel?

6. Was sagte er am anderen Morgen zu dem König?

7. Was machte die erste Stiefschwester, um den Fuß in den Schuh zu bekommen?

8. Wie entdeckte der Königssohn, daß diese Stief- schwester die falsche Braut sei?

9. Wie bekam die zweite Steifschwester den Fuß in den Schuh?

10. Was machte der Königssohn, nachdem die Vögel ihm gesagt hatten, die rechte Braut sitze noch daheim?

11. Warum mußte Aschenputtel gerufen werden?

12. Warum war es ihr nicht schwer, sich den Pantoffel anzuziehen?

13. Wohin setzte der Königssohn die rechte Braut?

14. Was sagten die Vögel, als die beiden an dem Haselbäumchen vorbeiritten?

15. Wohin setzten sich die beiden Vögel?

16. Warum kamen die Stiefschwestern zu der Hochzeit?

17. Was machten die Tauben, als die Brautleute zur Kirche gingen?

18. Wie ist es den beiden Schiefschwestern ergangen, als sie aus der Kirche herauskamen?

19. Warum wurden sie bestraft?

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Vergleichen Sie die Grimm-Fassung von "Aschenputtel" mit der verschönerten Disney-Fassung! Welche Fassung gefällt Ihnen besser? Warum?

Getting with Grammar

Sometimes one cannot use the "motion toward" rule in determining which case to use after two-way prepositions. For example, the expressions denken an (think about), warten auf (wait for), and sprechen über (talk about) take accusative objects, although there is no motion toward the objects; in fact, über takes an accusative object whenever it means "about." Examples:

Ich habe immer nur an dich gedacht.

Das arme Kind muß jeden Tag auf seine Mutter warten.

Hoffentlich werden wir über die neuen Filme sprechen.

Other motionless expressions involving two-way prepositions with accusative objects are sich wundern über (marvel at), sich erinnern an (remember), and sehen auf (look at).

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Nouns of quantity are not followed by prepositional phrases in German.While English says "a cup of coffee" and "a pound of flour," German uses eine Tasse Kaffee and ein Pfund Mehl. German nouns of qualtity, if masculine or neuter, remain singular even when modified by numbers greater than one, whereas feminine nouns use their plural forms. Examples: zwei Stück Kuchen, zwei Portionen Eis.

With prepositions taking dative and/or accusative objects, Germans usually replace a neuter personal pronoun (in English, "it" and "them," ie.e, more than one "it") with the prefix da- or, if the preposition begins with a vowel, dar-. The resulting words are called da-compounds. Examples:

Ich habe dir gestern Geld gegeben. Was hast du schon damit (with it) gemacht?

Das Fahrrad ist schon sehr alt. Ich kann Ihnen nicht viel dafür (for it) geben.

Links siehst du einen kleinen Tisch, und darauf (on it) oder darunter (under it) liegt das Buch.

Rechts steht die Kirche und links steht die Schule, und dazwischen (between them) geht ein enger Gang.

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Like sein, werden can be followed by a predicate nominative, e.g., Sie ist eine militärische Ärztin geworden.

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