German Correspondence

Friedrich Nietzsche

(1844 - 1900)

Edited by Eugene R. Moutoux

 

Unappreciated in his lifetime, Friedrich Nietzsche is now considered by many to have been the most influential thinker of the late nineteenth century. As a professor of classical philology at Basel, Switzerland, he wrote Die Geburt der Tragödie (1872), in which he criticized as one-sided the neo-classical, "apollonian" interpretation of ancient Greece, and stressed the "dionysean," irrational, immoderate elements which, according to Nietzsche, made Greek tragedy possible. Forced by poor health to resign his professorship in 1879, Nietzsche continued to write while moving from place to place in Switzerland and Italy in search of an agreeable climate. Most of his better-known works were written during this time: Also sprach Zarathustra (1883-85), Jenseits von Gut und Böse (1886), and Der Wille zur Macht (1888). In 1889 he lapsed into hopeless insanity.

When Nietzsche wrote to Erwin Rohde in February of 1884, he had finished three of the four parts of Zarathustra. According to Nietzsche, this work surpasses anything ever written both in depth of thought and in perfection of language. In his typically aphoristic style, Nietzsche presents his major ideas of the revaluation of all values, of the death of God, and of the superman. The radical break with the convictions and conventions of his age cost Nietzsche dearly in his personal relationships. Rejected by the majority of his contemporaries, his life became lonlier and lonlier. This loneliness appears as the dominant theme of the following letter.

 
r Akt (-e) - act (of a play)

ansehen (ie; a, e) - look at

s Bild (-er) - picture

bringen (brachte, gebracht) - bring; take

dabei - with it all, for all that; on the occasion, then; there

drücken (reg.) - press

e Fahrt (-en) - trip

gemein haben - have in common

s Gesicht (-er) - face

e Glückseligkeit - bliss

jahrelang - for years

lieb - dear

lieblich - lovely

reden (reg.) - talk

schweigen (ie, ie) - be silent

schwermütig - melancholy

umsonst - in vain

e Vergangenheit (-en) - past

r Vergleich (-e) - comparison

verschieden - different

s Vorbild (-er) - model

vorbei - past, over

r Vorgänger (-) - predecessor

Friedrich Nietzsche

An Erwin Rohde

Nizza, 22. Februar 1884

Mein alter lieber Freund,

ich weiß nicht, wie es zuging: aber als ich Deinen letzten Brief las und namentlich als ich das liebliche Kinderbild sah, da war mir’s, als ob Du mir die Hand drücktest und mich dabei schwermütig ansähest: schwermütig als ob Du sagen wolltest: "Wie ist es möglich, daß wir so wenig noch gemein haben und wie in verschiedenen Welten leben! Und einstmals—"

Und so, Freund, geht es mir mit allen Menschen, die mir lieb sind: alles ist vorbei, Vergangenheit, Schonung; man sieht sich noch, man redet, um nicht zu schweigen. Die Wahrheit aber spricht der Blick aus: und der sagt mir (ich höre es gut genug!): "Freund Nietzsche, Du bist nun ganz allein!"

So weit habe ich’s nun wirklich gebracht.

Inzwischen gehe ich meinen Gang weiter, eigentlich ist’s eine Fahrt, eine Meerfahrt—und ich habe nicht umsonst jahrelang in der Stadt des Columbus gelebt.

Mein "Zarathustra" ist fertig geworden, in seinen drei Akten: den ersten hast Du, die beiden andern hoffe ich in 4-6 Wochen Dir senden zu können. Es ist eine Art Abgrund der Zukunft, etwas Schauerliches, namentlich in seiner Glückseligkeit. Es ist alles drin mein Eigen, ohne Vorbild, Vergleich, Vorgänger; wer einstmals darin gelebt hat, der kommt mit einem andern Gesichte wieder zur Welt zurück.

 

 

 

 

zugehen: happen / namentlich: especially / einstmals: formerly / Schonung: forbearance / Gang: way / "Zarathustra": Also sprach Zarathustra, a philosophical parable divided into acts / Abgrund: abyss / schauerlich: frightful / Glückseligkeit: bliss / mein Eigen: my own

ausdrücken (reg.) - express

s Bekenntnis (-sse) - confession

sich (dat.) einbilden (reg.) - fancy, imagine

geraten (ä; ie, a) - get into

e Grenze (-n) - border; limit  

Kamerad (-en, -en) - comrade

e Linie (-n) - line

männlich - masculine, manly

e Sprache (-n) - language

r Stil (-e) - style

e Symmetrie (-n) - symmetry

r Tanz (¨-e) - dance

toll - crazy

tüchtig - capable; thorough

tyrannisieren (reg.) - tyrannize

überspringen (a, u) - jump over

übrigens - moreover; by the way

verspotten (reg.) - ridicule

e Verzeihung - pardon

r Vokal (-e) - vowel

e Vollendung - completion; perfection

e Wahl (-en) - choice; election

wahrhaftig - true; truly

r Zeichner (-) - drawer (artist)

zusehen (ie; a, e) - look, watch

 

Aber davon soll man nicht reden. Für Dich, als einem homo litteratus, will ich ein Bekenntnis nicht zurückhalten: — ich bilde mir ein, mit diesem Zarathustra die deutsche Sprache zu ihrer Vollendung gebracht zu haben. Es war, nach Luther und Goethe, noch ein dritter Schritt zu tun —; sieh zu, alter Herzenskamerad, ob Kraft, Geschmeidigkeit und Wohllaut je schon in unsrer Sprache so beieinander gewesen sind. Lies Goethe nach einer Seite meines Buches — und Du wirst fühlen, daß jenes "Undulatorische", das Goethe als Zeichner anhaftet, auch dem Sprachbildner nicht fremd blieb. Ich habe die strengere, männlichere Linie vor ihm voraus, ohne doch, mit Luther, unter die Rüpel zu geraten. Mein Stil ist ein Tanz, ein Spiel der Symmetrien aller Art und ein Überspringen und Verspotten dieser Symmetrien. Das geht bis in die Wahl der Vokale.

Verzeihung! Ich werde mich hüten, dies Bekenntnis einem andern zu machen, aber Du hast einmal, ich glaube als der Einzige, mir eine Freude an meiner Sprache ausgedrückt. — Übrigens bin ich Dichter bis zu jeder Grenze dieses Begriffs geblieben, ob ich mich schon tüchtig mit dem Gegenteil aller Dichterei tyrannisiert habe.

Ach, Freund, was für ein tolles, verschwiegenes Leben lebe ich! So allein, allein! So ohne "Kinder"! — Bleibe mir gut, ich bin’s Dir wahrhaftig.

homo litteratus: (Lat.) learned person / Geschmeidigkeit: suppleness / Wohllaut: melodious sound / beieinander: together / undulatorisch: undulatory / anhaften: adhere to / Sprachbildner: language moulder / Ich habe ... voraus: I have an advantage over him with respect to ... / unter die Rüpel geraten: become coarse / aller Art: of all kinds / sich hüten: take care not to / ob: although / Dichterei: poetry / verschwiegen: secluded / Bleibe mir gut: Remain favorably disposed toward me
A. Answer in German.

1. Was empfand Nietzsche, als er das Kinderbild sah, das sein Freund ihm geschickt hatte?

2. Wie geht es Nietzsche sonst mit den Menschen, die ihm lieb sind? Was verrät ihm der Blick seiner Freunde?

3. Womit vergleicht Nietzsche den Gang seines Lebens?

4. Wann hofft Nietzsche, seinem Freund den restlichen Teil von "Zarathustra" schicken zu können?

5. Glaubt er, daß sein neues Werk ein optimisti-

sches oder pessimistisches Bild von der Zukunft enthält? Äußern sie sich näher dazu!

6. War das Werk als elegante Wiederholung früherer Ideen gedacht?

7. Was glaubt Nietzsche mit der deutschen Sprache erreicht zu haben?

8. Wer waren seiner Ansicht nach die beiden anderen wichtigsten deutschen Sprachbildner?

9. In welcher Hinsicht meint Nietzsche, Goethe übertroffen zu haben? Wie verhält es sich mit Luther?

10. Inwiefern ist Nietzsches Stil ein Tanz?

11. Warum redet Nietzsche so offen zu Rohde, während er sich hütet, anderen dasselbe zu gestehen?

12. Versteht sich Nietzsche nur als Philosoph?

B. Articles, adjective endings: Supply endings where necessary. Translate the sentences.

1. Als Nietzsche d___ letzt___ Brief sein___ Freundes las und d___ lieblich___ Bild ein___ Kindes sah, fühlte er sich allein.

2. Nietzsche und sein___ Freund leben in verschieden___ Welten. 

3. Er hat nicht umsonst jahrelang in d___ Stadt d___ Columbus gelebt.

4. D___ Freund hat schon d___ erst___ Akt sein___ neu___ Werkes, und bald bekommt er d___ beid___ ander___.

5. Wer einmal in d___ Welt Zarathustras gelebt hat, der kommt mit ein___ ander___ Gesicht in d___ gegenwärtig___ Welt zurück.

6. Nietzsche glaubt, mit sein___ "Zarathustra" d___ deutsch___ Sprache zu ihr___ Vollendung gebracht zu haben.

7. Sein___ Freund soll ein___ Seite lesen und dann d___ Sprache Nietzsches mit d___ Sprache Goethes vergleichen. ______________________

8. Glauben Sie, daß sein___ Stil ein___ Tanz ist? 

9. Rohde war d___ einzig___ Freund, der ein___ Freude an sein___ Sprache ausgedrückt hatte.

C. Indirect discourse: Fill in the blanks with appropriate subjunctive forms. Each sentence is introduced with an expressed or unexpressed "er schrieb," "er sagte," etc.

1. Nietzsche schrieb, daß er ganz allein _______ (was), und daß man __________  (spoke) und sich Briefe __________ (wrote), um nicht zu schweigen. 

2. Inzwischen ________ (was going) er seinen Gang weiter.

3. Er sagte, nicht umsonst ________ er jahrelang in der Stadt des Columbus __________ (had lived).

4. Er schrieb weiter, sein "Zarathustra" _______ (was) fertig. Der Freund ________ (had) den ersten Akt, die beiden anderen ________ er ihm bald ________ (would send).

5. Nietzsche behauptete, wer in der Welt des Zarathustras __________ ________ (had lived), der ________ mit einem anderen Gesichte zu dieser Welt ________ (came back).

6. Er sagte, er ________ sich ______ (fancied), mit seinem neuen Buch die deutsche Sprache zu ihrer Vollendung gebracht zu haben.

7. Er ________ sich ________ (would take care not to), dieses Bekentnis einem anderen zu machen.

D. Express in German.

1. Nietzsche understood his friend's letter as an expression of sympathy.

2. Had he not wanted to say between the lines: "We now live in different worlds"?

3. Nietzsche has the feeling that he is entirely alone, and that he writes to others and others to him in order not to say nothing.

4. In the meantime, he has written a work which is "without comparison." This work is called Zarathustra.

5. Nietzsche fancies that the German language has reached its completion in his new work.

6. His manly style is like a beautiful dance.

7. He believed that neither Goethe nor Luther, for example, wrote as well as he.

8. Of course, Nietzsche would never speak so openly to most people, but to a friend he can express his true feelings.

Suggestion for oral practice: Erwin Rohde quotes for some friends the line from Nietzsche's letter: "Man schreibt sich Briefe noch, um nicht zu schweigen." A discussion ensues.
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