German Correspondence

Annette von Droste-Hülshoff

(1797 - 1848)

Edited by Eugene R. Moutoux
 

The great German lyricist Annette von Droste-Hülshoff combined in her poetry realistic descriptions of nature with mythical-demoniacal elements. In many of her poems, especially those that deal with the dreary northern German landscape, the verse is often harsh and the tone melancholic. Her Catholic faith, deep though not unquestioned, pervades her religious poetry.

Annette von Droste-Hülshoff spent most of her life on the estate of her mother near the city of Münster in northern Germany. In 1841, sickness prompted her to move to Meersburg on Lake Constance (a large lake between Germany and Switzerland), where she lived in a castle owned by the German-scholar Joseph von Laßberg, the husband of her sister Jenny. It was here that she met and fell in love with the much younger Levin Schücking; he was 27 at the time, she 44. He later portrayed her life in his novella Gervin und Ludmilla and, in 1898, published her collected works. The following excerpts from a letter of Annette von Droste-Hülshoff to Levin Schücking reveal something of the depth of her love and provide a glimpse of her extraordinary descriptive abilities.
 

e Alpen (pl.) - Alps

auftauchen (reg.) - emerge

e Aussicht (-en) - view

bewölkt - cloudy, overcast

r Bodensee - Lake Constance

führen (reg.) - lead; guide

gewöhnlich - usual(ly)

jenseits (adv.; prep. w/ gen.) - on the other side (of)

r Keller (-) - cellar

e Länge (-n) - length

leer - empty

e Luft (¨-e) - air

s Meer (-e) - sea

merkwürdig - noteworthy

r Punkt (-e) - point.

romantisch - romantic

r Saal (Säle) - assembly room

scharf - sharp

s Schloß (¨-sser) - castle

sogar - even

r Spiegel (-) - mirror

unbedeutend - insignificant

völlig - completely

wachen (reg.) - be awake; watch

Annette von Droste-Hülshoff

An Levin Schücking

Meersburg, 5. Mai 1842

Guten Morgen, Levin! Ich habe schon zwei Stunden wachend gelegen und in einem fort an Dich gedacht; ach ich denke immer an Dich, immer. (...) Laßberg hat mich nach Heiligenberg geführt—eine kalte, schlechte Partie!—überall nichts Merkwürdiges dort zu sehen; das Schloß recht schön, aber gewöhnlich, die Anlagen unbedeutend, Regenwetter, die Aussicht völlig bewölkt, in den leeren Sälen eine wahre Kellerluft, und obendrein mußte ich den ganzen Tag die Kinder hüten, weil Jenny zu Hause geblieben war. (...) Einige Tage später fuhren wir über Friedrichshafen nach Langenargen, acht Stunden von Meersburg, dieses Mal Jenny mit. Wie habe ich da an Dich gedacht, altes Herz, wie hundertmal habe ich Dich hergewünscht! Da hättest Du erfahren, was ein echt romantischer Punkt am Bodensee ist. Von so etwas habe ich durch hier noch gar nicht mal eine Idee erhalten. Denk Dir den See wenigstens dreimal so breit wie bei Meersburg, ein ordentliches Meer, so breit, daß selbst ein scharfes Auge, Laßberg z.B., von jenseits nichts erkennen kann als die Alpen, die nach ihrer ganzen Länge, sogar die Jungfrau mit, in einer durchaus neuen und pittoresken Gruppierung wie aus dem Spiegel auftauchen.

 

 

 

in einem fort: continuously / Heiligenberg: apparently the name of a castle not far from Meersburg / Partie: (here) excursion / Anlagen: grounds / obendrein: what's more / hüten: watch over / Langenargen: German town on the northeast shore of Lake Constance / herwünschen: wish ... here / Meersburg: small medieval city on the northern shore of Lake Constance / Jungfrau: famous Swiss mountain / pittoresk: picturesque / Gruppierung: grouping, arrangement

belebt - alive, bustling

ehemalig - former

elegant - elegant

endlos - endless

s Fahrzeug (-e) - vehicle

r Gasthof (¨-e) - inn

golden - golden, (of) gold

flach - flat

r Graf (-en, -en) - count

r Hafen (¨) - harbor

r Hauptpunkt (-e) - main point

imponierend - impressive

lebensgroß - life-sized

öffnen (reg.) - open

r Rahmen (-) - frame

e Ruine (-n) - ruin

r Schritt (-e) - step

segeln (reg.) - sail

e Stickerei - embroidery

r Strand (¨-e) - beach

e Tiefe (-n) - depth

s Tor (-e) - gate

übersehen (ie; a, e) - overlook 

unangenehm - unpleasant

widerstehen (a, a) - resist

 

Du sitzt auf dem sehr schönen Balkone eines stattlichen Hauses—früher Kloster, jetzt Gasthof—hinter Dir die Flügeltüren des ehemaligen Refektoriums geöffnet, was seiner ganzen Länge nach mit den lebensgroßen Bildern der alten Grafen von Montfort, in schweren goldenen Rahmen, wie getäfelt ist; unter Dir, über ein Stückchen flachen Strandes weg, die endlose Wasserfläche, wo Du zehn bis zwölf Kähne und Fahrzeuge zugleich segeln siehst, denn hier ist die Fahrt anders belebt wie bei Meersburg; links der sehr reiche und städtisch elegante Marktflecken; tief im See ein Badehaus, zu dem ein äußerst zierlicher schmaler Steg führt, der sich im Wasser spiegelt, und gleich dahinter ein Seebusen, voll Segel und Masten, ganz wie ein Hafen, aber ohne das unangenehme Gemäuer; und endlich rechts, nicht zweihundert Schritte vom Gasthofe, der Hauptpunkt, die herrliche Ruine Montfort, auf einer Landzunge, die schönste, die ich je gesehen habe, mit drei Toren, zackichten Zinnen und einer dreifachen Reihe durch ihre Höhe und Tiefe ordentlich imponierender Fensternischen, in denen die herrlichste Stukkaturarbeit dem Winde und Regen noch zum Teil widerstanden hat und man sie so mit einem Male, über die Nischen streifend, wie eine grandiose Stickerei übersehen kann. stattlich: stately / Kloster: monastery / Flügeltüren: folding doors / Refektorium: refectory / seiner ganzen Länge nach: along its entire length / wie getäfelt: as if paneled / über ein Stückchen ... weg: across a little piece of beach / Wasserfläche: surface of the water / Kähne: light boats / städtisch: city-like / Marktflecken: small market-town / Badehaus: bathhouse / zierlich: pretty / schmal: narrow / Steg: footbridge / Seebusen: bay / Segel u. Masten: sails and masts / Gemäuer: masonry / Landzunge: spit / zackicht: notched / Zinnen: battlements / dreifach: threefold / Fensternischen: window niches / Stullaturarbeit: stuccowork / mit einem Male: all of a sudden / streifend: brushing
r Anschlag (¨-e) - (posted) notice, announcement

r Befehl (-e) - command, order

s Dach (¨-er) - roof

drinnen - (adv.) inside

gefährlich - dangerous

grandios - overwhelming

Mauer (-n) - wall

nach und nach - little by little

niederreißen (i, -issen) - tear down

obwohl - although

e Pracht - splendor

r Schaffner (-) - conductor (on a train); steward

seitdem - since then; (conj.) since

sonst - otherwise

verkaufen (reg.) - sell

e Welle (-n) - wave

weshalb - why; (conj.) and so

 

Die Ruine ist als solche noch nicht alt, obwohl sonst ein sehr altes Gebäude. Vor fünfzig Jahren wohnte noch ein Schaffner darin; dann ward das Schloß zum Abbruch verkauft, und nachdem das Dach und die innern Mauern niedergerissen waren, kam eking Befehl von Stuttgart—es ist württembergische Domäne—damit innezuhalten. Seitdem steht es nun in seiner verfallenden Pracht und läßt sich nach und nach von den Wellen unterminieren, die schon viele Fuß tief in die Mauern gewühlt haben und, wenn man drinnen ist, wie unterirdisch brausen, weshalb auch ein Anschlag vor dem Hineingehen als gefährlich warnt; man tuts aber doch. Abbruch: demolition / württembergische Domäne: domain of the State of Württemberg / innehalten: stop / verfallen: dilapidated unterminieren: undermine / wühlen: excavate / brausen: rush / tuts: i.e., tut es                           
armselig - miserable

r Blumenhändler (-) - flower dealer

decken (reg.) - cover

s Dutzend (-e) - dozen

fassen (reg.) - take, grasp

r Fleck (-e) - spot; stain

genießen (genoß, genossen) - enjoy

höchstens - at most

s Kaninchen (-) - rabbit

r Kaufmann (¨-er) - merchant

klingen (a, u) - sound

e Landschaft (-en) - landscape, scenery

malerisch - picturesque

r Roman (-e) - novel

stehlen (ie; a, o) - steal

r Topf (¨-e) - pot

treffen (trifft; traf, getroffen) - meet

vergleichen (i, i) - compare

versäumen (reg.) - miss

vorkommen (a, o) - happen; (w/ dat.) seem

zeigen (reg.) - show

e Ziege (-n) - goat

Jetzt hat sich ein armer Blumenhändler mit Frau und Kind dort angesiedelt; in der notdürftig hergestellten Pförtnerstube unter dem Torgewölbe hockt die Familie zusammen; auf den Mauern und Basteien, wo nur ein Fleckchen Erde ist, steht alles voll Blumen in Beeten und Töpfen; aus einem der Kellerlöcher meckert eine Ziege, und ein halbes Dutzend weißer Kaninchen schlüpft zu den untern Fensternischen aus und ein. Du kannst Dir das Malerische des Ganzen nicht denken; es ist so romantisch, daß man es in einem Romane nicht brauchen könnte, weil es gar zu romanhaft klänge, und ein fremder Kaufmann, den wir gestern beim Figel trafen und der geradeswegs aus dem südlichen Frankreich durch Italien und in letzter Station von Langen- argen kam, war ganz entzückt davon und sagte, er könne es nur den schönsten Aussichten bei Genua und Neapel vergleichen. Auch ich kann Dir nicht sagen, wie klein und armselig mir seitdem die hiesige Landschaft vorkommt. Wenn Du mit Deinen Zöglingen übers Jahr kommst, versäume ja Langenargen nicht. Laßberg meint, in höchstens ein paar Jahren werde die Unterminierung vollendet sein und an einem schönen Tage die ganze Ruine zusammenprasseln. Lieber Himmel, warum habe ich einen so schönen Tag ohne Dich genießen müssen! Ich habe immer, immer an Dich gedacht, und je schöner es war, je betrübter wurde ich, daß Du nicht neben mir standest und ich Deine gute Hand fassen konnte und zeigen Dir—hierhin—dorthin—Levin, Levin, Du bist ein Schlingel und hast mir meine Seele gestohlen; Gott gebe, daß Du sie gut bewahrst. (...) sich ansiedeln: settle / notdürftig herrgestellt: poorly restored / Pförtnerstube: doorman's room / Torgewölbe: entrance vault / zusammenhocken: crouch together / Basteien: bastions / Beete: beds / meckern: bleat / schlüpfen: slip / das Malerische: the pictorial quality / romanhaft: like a novel / Figel: a proper name / geradeswegs: directly / südlich: southern / entzückt: charmed / hiesig: local / Zöglinge: pupils / übers Jahr: during the year / Unterminierung: undermining / zusammenprasseln: collapse / betrübter: more sorrowful / Schlingel: rascal
 
A. Answer in German.

1. An wen dachte Annette von Droste-Hülshoff immer?

2. Warum hat ihr der Ausflug nach Heiligenberg nicht gefallen?

3. Mit wem fuhr sie dann einige Tage später nach Langenargen?

4. Was hätte diesen herrlichen Tag noch mehr verschönert?

5. Was sagt Annette von Droste-Hülshoff über die Breite des Sees bei Langenargen?

6. Was konnte man jenseits des Sees sehen?

7. Was für Bilder hingen im Refektorium des ehemaligen Klosters?

8. Was führte hinüber zum Badehaus?

9. Wie weit vom Gasthof entfernt war die Ruine Montfort?

10. Was bewunderte Droste-Hülshoff in den Fensternischen des Schlosses?

11. Warum wurde das Schloß nicht ganz abgerissen, nachdem es zum Abbruch verkauft worden war?

12. Wer wohnte 1842 im Schloß?

13. Wo waren die Blumen gepflanzt?

14. In welchem Teil des Gebäudes wohnten die Leute?

15. Welche Tiere lebten auch in der Ruine?

16. Wie hätte es geklungen, wenn man versucht hätte, das gesamte Bild in einem Roman zu beschreiben?

17. Womit verglich der fremde Kaufmann die Schönheit Langenargens?

18. Warum meinte Laßberg, daß die Ruine in ein paar Jahren zusammenbrechen würde?

 
B. Comparitive and superlative degrees of adjectives and adverbs: Fill in the blanks as indicated.

Translate the sentences.

1. Annette von Droste-Hülshoff dachte ____________ (most preferably) an Levin Schücking.

2. Der zweite Ausflug (nach Langenargen) war viel _______________ (more interesting than) der erst (nach Heiligenberg).

3. Auch das Wetter war bedeutend __________ (nicer).

4. Das zweite Schloß war nicht ______________ (as ordinary as) das erste.

5. Das war wohl der ____________ (most romantic) Ort, den sie je gesehen hatte.

6. Bei Langenargen ist der See viel __________ (wider than) bei Meersburg, wo die berühmte Dichterin wohnte.

7. __________ (earlier) war der Gasthof ein Kloster gewesen.

8. Auf einer Landzunge war die ____________ (most beautiful) Ruine, die sie je gesehen hatte.

9. Gegen Ende des Briefes an Levin schrieb sie: ______________ (the prettier) es war, _____________ (the more sorrowful) wurde ich.

10. Es kann sein, daß Annette von Droste-Hülshoff die ____________ (most famous) deutsche Dichterin ist.

11. Viele Leute sagen, sie ist auch ___________ (the best).

 
C. Articles, adjective endings: Fill in the blanks where necessary. Translate the sentences.

1. Ein___ schmal___ Steg führte zu ein___ klein___ Badehaus.

2. In d___ klein___ Pförtnerstube wohnte ein___ arm___ Blumenhändler mit sein___ Familie. 

3. Ein___ fremd___ Kaufmann sagte, er könne Langenargen nur mit d___ schön___ Aussichten bei Genua und Neapel vergleichen.

4. An ein___ schön___ Tag wird d___ ganz___ Ruine zusammenbrechen.

5. Wenn sie nur d___ gut___ Hand ihr___ Freundes hätte fassen können!

 
D. Express in German.

1. Annette had lain awake for two hours and thought about Levin.

2. She had recently visited Heiligenberg, which she considered to be a very pretty but ordinary castle.

3. At Langenargen, the lake is three times as wide as it is at Meersburg.

4. If Levin had seen Langenargen, he would have liked it.

5. From the German side of Lake Constance, one can look across and see the Alps in Switzerland.

6. In the dining hall of the inn, which had been a monastery, Droste-Hülshoff found large pictures of the former counts in golden frames.

7. A footbridge leads to a bathhouse, behind which there is a bay that serves as a harbor.

8. Annette wrote that she had never seen a ruin as beautiful as Montfort.

9. About fifty years ago someone bought the castle with the intention of tearing it down.

10. If a command had not come from Stuttgart, the castle would have been completely destroyed.

11. A poor flower dealer now lives in the castle with his wife and children.

12. Droste-Hülshoff wrote that the family had flower beds, goats, and rabbits.

13. The place is so romantic that one could not use it in a novel; people would not believe that such a place could exist.

14. After she had visited Langenargen, the scenery around Meersburg seemed small and miserable to her.

15. She wishes that Levin had been there with her.

16. If only he had stood beside her there and she could have held his hand!

Suggestion for oral practice: Levin Schücking tells some of his students about Annette von Droste-Hülshoff's impressions of Langenargen. They make plans to visit the ruin during the month of June.
 
Annette von Droste-Hülshoff: Auf der Meerburg

(drawing by Jenny von Laßberg)

 

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